Dienstag, 12. Mai 2015

Die Abendsonne glüht am Himmel und kitzelt sich durch mein Haar. In meinem Augenwinkel ist ein kleiner Rotschimmer zu erkennen, ansonsten schnürt sich nur kurz der Wind um meinen Körper, der nach all den Stunden jedoch gut tut. Für einen Moment bleibe ich stehe, schließe die Augen und atme tief ein. Lange habe ich mich nicht mehr so frei gefühlt.
Ich blicke vorwärts, meine Vorfreude auf die nächsten Tag steigt. Das Meer direkt vor der Tür, eine stille Umgebung, gute Musik, lange Nächte, tiefgründige Gespräche, frische Luft, angenehme Autofahrten und große Freiheit. Ja, ich sehne mich. Mein Herz verlangt nach dem Stückchen Zuhause, dem ich hier so nah und doch so fern bin.
Ich will laufen, bis mein Herz mir aus der Brust schlägt. Ich will laufen, meinen Gefühlsausbrüchen freie Bahn lassen. Ich will vor den Wellen sitzen, dem Rauschen des Wassers zuhören, kleine Schritte in die Kälte wagen und alle Emotionen, die ich empfinde, in den Sand malen, bis sie von der nächsten Flut mitgenommen werden.
Und vielleicht stillt es meine inneren Bedürfnisse nach Schutz und Freiheit. 


Ja, ab morgen bin ich für ein paar Tage in Dänemark, auf der wunderschönen Insel Rømø. Zuletzt war ich dort 2012, als es mir sehr schlecht ging, und dennoch - das Meer, die Sonnenuntergänge und die langen Nächte sind nicht in Vergessenheit geraten. Sie waren kleine Hoffnungsfunken in meiner dunklen Zeit. Und ich weiß, dass ich es dieses Jahr besser machen kann, dass ich die Zeit ausnutzen kann, um einfach mal abzuschalten.


I remember running to the sea
Remember falling to my knees
I remember gliding off the shore
Until I touched the ocean floor

Mittwoch, 6. Mai 2015

Gedankenverloren sitze ich in der Fensterbank und schlage das Französischbuch auf, während draußen ein paar grüne Blätter umherwirbeln und sich ein leiser Sturm auftut. Mit zittrigen Fingern streife ich durch die Seiten und versuche mich auf die Verben und verschiedenen Zeitformen zu konzentrieren, doch die innerliche Unruhe lässt mich nicht los. Ich bin präsent und gleichzeitig ganz woanders. Mit den Gedanken bin ich sowohl in der Zukunft, als auch in der Vergangenheit.
Ich erschrecke, als plötzlich ein Ast gegen mein Fenster schlägt. Jetzt stürmt es heftiger, es fängt an zu regnen, und ich merke, dass ich innerlich plötzlich ruhiger werde. Ich kann ruhig atmen, mein Herz schlägt im normalen Takt und mein Puls ist nicht bis in jede einzelne Zelle meines Körpers zu spüren.
Ich genieße die Gelassenheit, doch meine Gedanken sind noch genauso finster wie der Himmel, der mit dunkelgrauen Wolken bedeckt ist. Warum kann ich nicht einfach mal abschalten? Wieso frisst mich meine Angst so auf? Und wieso habe ich überhaupt Angst? 
Ohne groß nachzudenken schnappe ich mir meine Lederjacke, stecke meinen Schlüssel ein, schnüre meine Chucks und ziehe mir die Kapuze meiner Sweaterjacke über den roten Schopf, bevor ich die Tür hinter mir zufallen lasse und die Treppen hinunter renne.
Keine Ahnung, wohin ich gehe, aber mein Schritttempo erhöht sich mit jedem Meter. Der Gedankensturm ebbt ab, während der Regen immer heftiger auf mich einprasselt. Nach nicht einmal drei Minuten bin ich vollkommen durchnässt, die Straßen sind wie leergefegt, nur ein paar einzelne Autos, dessen Lichter sich in den Fenstern der Häuser spiegeln, huschen an mir vorbei, doch durch die Tropfen auf meinen Brillengläsern erkenne ich so gut wie nichts. Ich genieße aber das strömende, fließende Geräusch des prallenden Regens.
Langsam werden meine Füße kalt, mein Körper zittert wieder heftig, und mal wieder habe ich das Bedürfnis zu weinen. Einfach auf der Stelle zu kollabieren und das Gewicht der Trauer auf mich hinaufregnen zu lassen. Dennoch gehe ich weiter, schluchze tief und lasse auch ein paar Tränen über mein Gesicht rinnen. Ein älteres Paar kommt mir entgegen, schlendert unter dem Regenschirm Hand in Hand den Fußgängerweg entlang, aber ich renne einfach, beachte sie nicht. Ich möchte nicht mehr denken, ich möchte nicht mehr fühlen. Ich hoffe insgeheim, dass der Regenschauer mich frieren lässt, sodass ich nichts mehr spüren muss. Ich möchte für einen Moment einfach nur taub sein. Nicht denken, nicht fühlen. Ein einziges Mal atmen, ohne von meinen vergangenen Fehlern angeschrien zu werden.


»There's silent storm inside me
Looking for a home
I hope that someone's gonna find me
And say that I belong
I'll wait forever and a lifetime
To find I'm not alone
There's a silent storm inside me
And some day I'll be calm«


Dienstag, 5. Mai 2015

Es gab eine Zeit, in der ich jedes Gefühl, das ich in mir gespürt habe, beschreiben konnte. Mal mehr, mal weniger gut, aber ein paar passende Worte habe ich immer gefunden. Jetzt aber schmelzen Freude und Traurigkeit zusammen, kleine nasse Perlen rinnen mir mehrmals täglich übers Gesicht, obwohl eigentlich alles gut ist, und ich bin nicht dazu in der Lage, die Worte in meinem Kopf zu sortieren.
Ich frage mich, was es ist, das mich innerlich auffrisst. Ich lache oft, aber weine genauso viel. Es kommt über mich, unvorhersehbar, dieses Gefühl. Im ersten Moment scheint die Sonne, jedoch ziehen blitzartig graue Wolkenschleier über den Himmel, die Unzufriedenheit fließen lassen.
Ich verstehe mich selbst nicht mehr, aber vielleicht muss ich das auch gar nicht.


»At times so self destructive
With no intent or motive
But behind this emotion
 There lies a sensible heart«