Mittwoch, 6. Mai 2015

Gedankenverloren sitze ich in der Fensterbank und schlage das Französischbuch auf, während draußen ein paar grüne Blätter umherwirbeln und sich ein leiser Sturm auftut. Mit zittrigen Fingern streife ich durch die Seiten und versuche mich auf die Verben und verschiedenen Zeitformen zu konzentrieren, doch die innerliche Unruhe lässt mich nicht los. Ich bin präsent und gleichzeitig ganz woanders. Mit den Gedanken bin ich sowohl in der Zukunft, als auch in der Vergangenheit.
Ich erschrecke, als plötzlich ein Ast gegen mein Fenster schlägt. Jetzt stürmt es heftiger, es fängt an zu regnen, und ich merke, dass ich innerlich plötzlich ruhiger werde. Ich kann ruhig atmen, mein Herz schlägt im normalen Takt und mein Puls ist nicht bis in jede einzelne Zelle meines Körpers zu spüren.
Ich genieße die Gelassenheit, doch meine Gedanken sind noch genauso finster wie der Himmel, der mit dunkelgrauen Wolken bedeckt ist. Warum kann ich nicht einfach mal abschalten? Wieso frisst mich meine Angst so auf? Und wieso habe ich überhaupt Angst? 
Ohne groß nachzudenken schnappe ich mir meine Lederjacke, stecke meinen Schlüssel ein, schnüre meine Chucks und ziehe mir die Kapuze meiner Sweaterjacke über den roten Schopf, bevor ich die Tür hinter mir zufallen lasse und die Treppen hinunter renne.
Keine Ahnung, wohin ich gehe, aber mein Schritttempo erhöht sich mit jedem Meter. Der Gedankensturm ebbt ab, während der Regen immer heftiger auf mich einprasselt. Nach nicht einmal drei Minuten bin ich vollkommen durchnässt, die Straßen sind wie leergefegt, nur ein paar einzelne Autos, dessen Lichter sich in den Fenstern der Häuser spiegeln, huschen an mir vorbei, doch durch die Tropfen auf meinen Brillengläsern erkenne ich so gut wie nichts. Ich genieße aber das strömende, fließende Geräusch des prallenden Regens.
Langsam werden meine Füße kalt, mein Körper zittert wieder heftig, und mal wieder habe ich das Bedürfnis zu weinen. Einfach auf der Stelle zu kollabieren und das Gewicht der Trauer auf mich hinaufregnen zu lassen. Dennoch gehe ich weiter, schluchze tief und lasse auch ein paar Tränen über mein Gesicht rinnen. Ein älteres Paar kommt mir entgegen, schlendert unter dem Regenschirm Hand in Hand den Fußgängerweg entlang, aber ich renne einfach, beachte sie nicht. Ich möchte nicht mehr denken, ich möchte nicht mehr fühlen. Ich hoffe insgeheim, dass der Regenschauer mich frieren lässt, sodass ich nichts mehr spüren muss. Ich möchte für einen Moment einfach nur taub sein. Nicht denken, nicht fühlen. Ein einziges Mal atmen, ohne von meinen vergangenen Fehlern angeschrien zu werden.


»There's silent storm inside me
Looking for a home
I hope that someone's gonna find me
And say that I belong
I'll wait forever and a lifetime
To find I'm not alone
There's a silent storm inside me
And some day I'll be calm«


Kommentare:

black butterfly hat gesagt…

Deine Worte berühren mich total, wahrscheinlich, weil ich gerade so gut nachvollziehen kann, wie es dir geht...
Fühl dich umarmt ♥

Novelist hat gesagt…

Warum habe ich deinen Blog nicht früher gefunden?
Ich bin zwei Minuten hier und liebe ihn bereits. Dein Schreibstil, dein Layout :)
Wundervoll <3